Günter Klarner ist freiberuflicher Pädagoge und arbeitet im Bereich Medien, Kultur und Umweltbildung. Sein Arbeitsalltag ist sehr vielseitig: Er betreut beispielsweise Klassenfahrten, hält Seminare für FÖJler und bildet Pädagogen an der Akademie der kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid aus.

Ein besonderes Interesse liegt dabei auf der BNE, der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dabei arbeitet er sehr mit Medien und Kunst und bezieht auch immer mehr philosophische Aspekte in seine Arbeit mit ein. Sein Fokus ist die Auseinandersetzung mit den künstlerischen Fragen der Wirklichkeitsverarbeitung.

KunstWerkZukunft ist eine MitmachAktion, die die Folgen unseres Lebensstils für die Umwelt beleuchten und mit Kunstwerken inspirieren will, natürlich nachhaltiger zu leben. Kann Kunst überhaupt zu Veränderung inspirieren?

Die Frage, die ich gerne dazu stellen würde: Können wir Aussagen zur Zukunft aus der Verlängerung der Gegenwart ableiten? Da würde ich behaupten: Nein, das können wir nicht.

Die Frage, was kommen wird, lässt sich heute, v.a. aus empirischen Zahlen, nicht beantworten. Es ist keine Frage der Zahlen und der mechanischen Fortentwicklung. Alle Zahlen, die wir kennen, können keine Aussage geben, wie sich die Gegenwart in die Zukunft weiterentwickeln wird. Doch Kunst kann  eine Utopie aufzeigen. Zahlen müssen nachvollziehbar und rational nachprüfbar sein. Künstlerisches Arbeiten nicht. Deswegen kann Kunst inspirieren. Was jede*r einzelne glaubt mit seinem Lebensstil zu verändern, ist dabei unterschiedlich. Daher sind Lebensstil-Veränderungen sowieso langfristige Entwicklungen und nichts, was von heute auf morgen passiert.

In Gesprächen mit Menschen fällt auf, dass jede*r etwas anderes ändern würde, weil das ihm sinnvoll erscheint. Wie kann man da Allgemeingültiges für nachhaltigere Lebensstile aussagen?

Das hat auch mit der folgenden Frage zu tun: Woher beziehen wir unsere Wertkonstellationen? Denn das macht aus wie wir leben. Ewige und immer gültige Werte gibt es nicht. Werte sind immer eine Vereinbarung zwischen Menschen, also ein sozialer Akt, und damit eine demokratische oder partizipative Vereinbarung. Diese Vereinbarung ist immer geprägt von den verschiedenen Konstrukten und Theorien einer Zeit, die eine Ursache in der jeweiligen Kultur haben.

In der Evolutionstheorie gab es lange die Vorstellung, dass der Stärkere Recht habe. Von Natur aus ist es lediglich vorgegeben, dass Frauen Kinder zur Welt bringen. Kulturell ist es hingegen verankert, dass Frauen auch die Kinderbetreuung übernehmen, sich verstärkt um Kinder kümmern und vielleicht sogar die Hausarbeit übernehmen. Das ist aber kein Naturgesetz, sondern kulturell tradiert. Gerade zeigt sich in der gesellschaftlichen Debatte über Frauen in der Wirtschaft und Elternzeit für Männer, dass man zusammen nach einer neuen Vereinbarung sucht.

Die Religion ist ein anderes Beispiel für eine Konstruktion, die Werte vorgibt, wie z.B. dass man nicht töten soll. Das heißt, wir leben in einem System voller historisch entwickelter und kulturell verinnerlichter Werte.

Dessen muss man sich bewusst werden. Diese Werte lassen uns Dinge tun, die wir als akzeptiert und anerkannt ansehen. Das kann sich aber ändern. Dazu braucht es öffentliche Diskussionen darüber, was uns heute wichtig ist. Daraus können sich dann neue gesellschaftliche Werte ergeben. Dabei kann sich jede*r beteiligen. Durch den Diskurs entstehen neue Werte, die für eine Zeit relevant sind, das heißt, an die sich viele halten wollen.

Beim Thema Lebensstil kommen wir schnell zum Punkt des Individualismus. Man ist dazu verleitet, seinen eigenen Lebensstil als den richtigen anzunehmen. Oft geht es eher gegeneinander und weniger miteinander. Wie gehen wir damit um?

Neben dem Wunsch nach individueller Entfaltung gibt es auch den Wunsch nach Zugehörigkeit. Dazu gehört es zwangsläufig, auch Kompromisse zu schließen. Die frühen Buddhisten und Hindus hatten eine Lebensnorm. Diese besagte, dass ich mein Handeln so ausrichten muss, dass es Grundlage für ein allgemeines Gesetz sein kann, das allen dient. Ich muss also immer in Bezug stellen, was ich tue. Denn es hat einen Einfluss auf meine Umgebung und damit auf Tier, Mensch und Natur. Wir merken das dann an Reaktionen aus unserer Umgebung. Daran ob unser Lebensstil gesellschaftlich akzeptiert ist, oder nicht. Und egal wie individuell wir sein wollen, wir wollen immer auch dazugehören. Dazu braucht es die ständige Auseinandersetzung miteinander.

Menschen versuchen glücklich zu sein. Posts in Social Media sowie Werbung suggerieren uns, dass das Glück allgegenwärtig ist. Glück wird dabei mit einem Produkt oder einem Erlebnis verbunden. Macht uns das glücklich?

Auch bei uns läuft die Diskussion über Glück. Das ist schon ein großer Schritt. Denn durch öffentliche Diskussionen reflektieren wir auch, wie wichtig uns eine Sache ist und sie kann Teil unserer Kultur und Wertevorstellung werden. Dadurch können wir unser Handeln dann auch immer mehr an diesen Wert ausrichten.

Die Industrie verspricht uns Glückserfüllung durch den Besitz von Gegenständen. Wir glauben, dass wir uns damit Glück erkaufen können. Das Problem ist jedoch, dass wir in dem Moment, indem wir es kaufen, einen kurzen Moment des Glücks empfinden, dann jedoch schnell ein Gewöhnungseffekt auftritt. Danach wollen wir wieder etwas kaufen, um dieses Glücksempfinden wieder zu spüren. So landen wir in einer Schleife, die aus Kaufen, Glück empfinden, Glück vermissen und wieder Kaufen besteht.

Was macht uns dann glücklich?

Glück selbst ist ein flüchtiger Moment. Wenn ich an etwas dran bin, dann empfinde ich Glück in regelmäßigen Abständen. Man nennt das den Flow. Sobald ich etwas gestalte, aktiv bin und merke, dass mein Handeln eine Wirkung hat – ich also selbstwirksam bin – macht mich das glücklich. Das gilt in besonderem Maße für die gestalterische Arbeit.

So wie Wirksamkeit einen Flow schaffen kann, so kann Ohnmacht das Gefühl der Wirkungslosigkeit schaffen. Es potenziert sich in beide Richtungen. Im Falle von Ohnmacht hilft der soziale Kontext. Mit anderen gemeinsam etwas zu schaffen, kann helfen aus der Ohnmacht herauszukommen.

In meinen Workshops sind diese Momente des Glücks für mich sichtbar. Wenn ein Kind in einem Musikstück sein Solo spielt und dann merkt, wie es sich einfügt in das orchestrale Spiel, und die Augen des Kindes leuchten, dann ist das sichtbares Glück. Das Schöne an Glück ist: Es kostet nichts, verbraucht keine Ressourcen und verschmutzt nichts.

Wie können wir das in unseren Kursen und Workshops mit Kindern und Jugendlichen umsetzen?

In Kursen behandeln wir z.B. den Themenkomplex Glück und Konsum. Wenn man Kinder und Jugendliche fragt, ob sie der Kauf eines Mp3-Players glücklich macht, dann werden sie sehr wahrscheinlich mit „Ja“ antworten. Doch wenn man sie fragt, was macht dich glücklich oder was war ein glücklicher Moment in deinem Leben, dann beschreiben die Kinder eher Situationen wie „Ich habe mir etwas vorgenommen und es hinbekommen“ oder „Meine Mama ist gesund geworden“ oder „Ich habe Freunde und wir haben was Schönes gemacht“.

Von da aus kann ich natürlich fragen: Was steht mir für die Erfüllung meines Glücks im Weg? Und gerade bei den älteren Kindern kann ich der Fragestellung nachgehen, was wird wie und warum produziert. Denn Produkte werden oft mit einem Glücksversprechen versehen. „Wenn du das Produkt hast, dann macht dich das glücklich.“

Wir müssen achtsamer sein. Damit kommen wir zu der Frage: Macht mich das glücklich, wenn ich das kaufe oder suche ich nach etwas anderem?

Es geht darum, in den Flow zu kommen, zu spüren, dass ich etwas bewirken kann. Aber das geschieht nicht durch Konsum oder reines Abhaken von Aufgaben. Künstlerisches Arbeiten kann diesen Flow erzeugen. Und das beobachte ich regelmäßig, wenn Kinder und Jugendliche zum Beispiel einen Trickfilm machen.

Wie kann Umweltbildung dazu beitragen in den „Flow“ zu kommen?

Die Frage ist nun, ob man solche Elemente des Erlebens stärker in den Fokus nimmt und quasi als Gegenbewegung zur Konsumorientierung unserer Gesellschaft einsetzt.

In der kulturellen Bildung geht es auch darum, das Glück, das ich als Mensch empfinden kann, in den Vordergrund zu stellen.

Kinder wirken nicht besonders glücklich in Schulen. Woran liegt das?

Ein Problem liegt im Bildungssystem. Man fragt ab, was Kinder wissen. Das wird benotet. Meistens macht man dann die Erfahrung, dass sie etwas nicht wissen oder können. Es wirkt auf mich eher, als ob wir auf der Suche nach Lücken sind, die wir bewerten wollen als nach Lücken, die Lust machen, mehr über eine Sache zu lernen.

Wenn wir von Zukunft reden, in der nachhaltige Entwicklung stattfindet, dann können wir das nur mit Menschen, die sich etwas zutrauen und sich ihres Könnens bewusst sind. Dieser Aspekt kommt in der Schule oft zu kurz. Ein simples Beispiel: Der aufrechte Gang entwickelt sich erst in der Erfahrung, dass ein Kind was kann. Es fällt unzählige Male, bevor es laufen kann.

Das Gefühl der Selbstbestätigung und Selbstwirksamkeit entsteht nicht dadurch, dass wir mit den Kindern und Jugendlichen darüber reden, was sie machen könnten. Es geht nur, wenn sie ihre eigenen Taten als wirksam empfinden.

Wieso setzen wir Kindern und Jugendlichen häufig etwas vor?

Das liegt meiner Erfahrung nach daran, dass wir zu kurzfristig denken. Wir sollten verstehen, dass es Zeit braucht, bis sich ein Erfolg zeigen kann. Wenn man mich früher nach der Wirkung unserer Workshops fragte, also danach, wie sehr sich die Kinder und Jugendlichen durch den Workshop verändert haben, dann musste ich oft sagen: „Das weiß ich nicht.“

Ich habe jetzt verstanden, dass ich nur ein Teil – ein Baustein –  in der Entwicklung junger Menschen bin. Und es braucht Zeit und viele andere Kolleg*innen, bis eine Veränderung in Gang gesetzt wird.

Wir wollen einen sichtbaren Erfolg – möglichst sofort. Doch was wir brauchen, ist Geduld und eine langfristige Entwicklung. Und das Verhalten eines Kindes mag auf uns zunächst unsinnig wirken, weil wir den Sinn nicht verstehen. Das heißt aber nicht, dass dieses Verhalten unsinnig ist. Das müssen wir verstehen. Es gibt mehr als meine Wahrheit.

Wir in der Umweltbildung arbeiten viel mit dem Kopf. Wir erklären Kindern und Jugendlichen, wie Prozesse in der Natur funktionieren, welche Folgen etwas hat, wieviel wir verbrauchen. Das Manko ist: Man kann es nicht fühlen. Außerdem sind wir häufig ungeduldig. Wir wollen Ergebnisse sehen. Wir wollen sehen, was unsere Lehreinheit gebracht hat. Welche Handlungsweisen haben die Teilnehmer*innen verinnerlicht und verändert?

Wenn wir mit den Kindern sprechen, dann geht es beim Thema Lebensstil nicht darum, etwas zu haben, sondern darum, gut zu leben. Wie gut leben definiert wird und was es dazu braucht, das kann gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen entwickelt werden.

Unsere Welt ist komplex. Wie können wir ganzheitlich lehren?

Ganzheitlich impliziert doch den Gedanken, ich könnte die Welt in ihrer Gänze verarbeiten und verstehen. Mein Kopf ist aber nicht groß genug dafür.
Ich muss mir im Klaren sein, dass meine Entwicklung eine ist, die niemals endet. Die Übersicht über die gesamte Welt kann ich nicht erreichen. Ich kann Teile nehmen und diese zum Thema machen.

Hinter dem Ziel pädagogischer Arbeit ist oft ein eher mechanisches Verständnis von Entwicklung zu sehen, an dessen Ende ein „fertiger“ Mensch steht.  Man muss sich nur darüber klar werden, dass wir das nicht schaffen können, dass das auch nicht sinnvoll ist. Aufregend ist, dass die menschliche Entwicklung ein permanenter Prozess ist, der immer weiter geht und in dessen Verlauf wir immer Neues lernen können. Insofern ist eine Herausforderung für Pädagogen, die Potenziale der Menschen gemeinsam mit ihnen zu entdecken und sie bei ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Dann gibt es natürlich eine zweite Bedeutung von ganzheitlich, die eher in die Richtung geht etwas in seiner ganzen Komplexität zu verstehen. Mit Kollegen haben wir schon vor Jahren eine Didaktik zur Umweltbildung entwickelt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, komplexe dynamische Systeme zu verstehen.

Das Wetter ist so ein Beispiel dafür. Oder der Klimawandel. Obwohl wir alle erdenkliche Technik haben, um das Wetter zu beobachten, können wir nicht über einen größeren Zeitraum vorhersagen, wie es wird. Es sind zu viele Variablen darin, die dynamisch miteinander reagieren.

In so einem System muss man anfangen dialektisch zu denken. In Wechselwirkung. Joseph Beuys kennen die meisten von der Fettecke oder der Honigpumpe. Doch sein, meiner Meinung nach wohl wichtigstes Werk, ist die soziale Plastik. Er sagte: Jeder Mensch ist ein Künstler. Viele denken, er habe behauptet, dass jeder einen Pinsel in die Hand nehmen kann und Kunst herauskommt. Das war aber so nicht gemeint. Seine zentrale Aussage ist, dass die Welt von vielen Menschen gestaltet wird. Sie gestalten sie als eine soziale Plastik und die hat eine Wirkung auf andere Menschen. Ich gestalte mich selber, indem ich die Welt gestalte. Damit bin ich derjenige, der sich selber bildet und damit bin ich ein Künstler, der sich selbst gestaltet in der Auseinandersetzung mit der Welt.

In unserer MitmachAktion KunstWerkZukunft haben wir das Experiment gewagt und Umweltbildung mit kultureller Bildung zusammengebracht: Geht das zusammen?

Darin sind ein paar Konfliktthemen verborgen. Kunst beansprucht, frei zu sein. Das bedeutet zunächst, dass künstlerische Prozesse keinen Zwecken untergeordnet werden sollten. Daher wirkt diese Konstellation für viele Künstler als würde Kunst instrumentalisiert werden. Denn Künstler arbeiten ja prinzipiell ergebnisoffen und partizipativ.

Dabei kann Kunst ein Mittel sein, um Themen gemeinsam mit den Menschen besser begreifbar zu machen. Kunst ist ja nicht losgelöst aus jeglichem Kontext. Kunst kann nicht neben einer Gesellschaft entstehen. Sie ist eingebettet in einen Kontext, der derzeit auch bedeutet, wir haben Kriege, wir stehen vor Ressourcenproblemen und so weiter. Kunst entsteht nicht in einem luftleeren Raum. Deswegen passen Kunst und Umweltbildung sehr gut zusammen. Beides will nachhaltig wirken.

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist ja eher eine Meta-Ebene. Und BNE ist ja nichts anderes als einfach gute Bildung, die Menschen befähigen soll, in unserer Welt gut zu leben. Die 12 Kompetenzen der BNE zeigen ganz gut, was es für gute Bildung braucht.

Wir sind auf der Suche nach Antworten in einer komplexen Welt. Wie finden wir diese Antworten?

Peter Bichsel (Schweizer Schriftsteller und Pädagoge) hat mal schön geschrieben: „Die Welt der Kinder ist die Welt der Fragen. Die Welt der Erwachsenen ist die Welt der Antworten.“ Fragen führen immer weiter. Antworten nicht.

Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass es in einer Welt, die in permanenter Veränderung ist, keine absoluten Antworten geben kann. Das Tückische an einer Antwort ist, dass damit der Prozess abgeschlossen ist. Das meint man zumindest.

Mein Wissen und mein Verhalten über die Welt sind vorläufig – und zwar immer. Ich weiß, dass nächste Woche eine neue Erkenntnis alles in Frage stellen kann.

Das macht die Orientierung in unserer Welt nicht einfacher.

Woher weiß ich denn, dass das, was ich im Kopf habe, die richtige Weltbetrachtung ist?
Bei 7 Milliarden Menschen gibt es viele, die anderer Meinung sind, die die Welt unter anderen Perspektiven sehen. Daran sieht man, dass unsere Haltungen zu verschiedenen Themen kulturell und eben auch historisch geprägt sind. Wir glauben hier, dass etwas so und so zu sein hat. Woanders kann das heute anders gesehen werden.

In der künstlerischen Arbeit setzt man sich mit einem Weltbild auseinander. Die Erkenntnis dessen, dass zwei Menschen zwei unterschiedliche, für sich wahre Meinungen und Perspektiven haben, schafft erstmal Verunsicherung. Das führt oft zu Abwehr. In so einer Situation finden wir nur mit der Auseinandersetzung darüber zueinander.

Wichtig zu verstehen ist, dass wenn ich etwas für falsch halte, es dann nicht heißt, dass ich weiß, was richtig ist. Und das ist legitim, wird doch erst darüber die Auseinandersetzung über Werte und Haltungen eröffnet.

Wenn Kinder ihre Welt darstellen, zeichnet und malt jeder eine Andere. Dann kann man zum Anlass nehmen und sich damit auseinandersetzen, wie jede*r die Welt sieht. Und dort kommt man schnell zu der Frage: Wer hat Recht? Kann jemand überhaupt Recht haben?

Ein anderes Beispiel sind Fotoexkursionen mit Kindern z.B. zum Thema Biodiversität. Dort gibt das, was die Kinder sehen, ihnen ein Gefühl. Sie riechen eine Pflanze, sie sehen die kräftige Farbe einer Blume. Dann machen sie ein Foto, fügen die Fotos zusammen und hinterlegen es mit Musik und einem Titel. Durch die Perspektive, Aufnahmeart des Fotografen, wird es zu einer Momentaufnahme, über die ich als Betrachter diskutieren kann, weil sich sozusagen die Empfindungen und Sichtweisen materialisiert haben. Man kann sich nun darüber austauschen und  man kann sich auseinandersetzen mit den Empfindungen des anderen. Das kann Kunst.

Wie können Umweltbildner*innen mehr kulturelle Bildungsweisen in ihre Arbeit integrieren?

Da gibt es viele Ansätze:

Man muss wach für seine eigene Kultur sein. In Anträgen steht häufig, Kinder würden lernen die Natur zu schätzen, wenn wir ihnen zeigen, wie schön die Natur ist. Das ist unreflektiert. Ich kann die Natur schön finden. Aber nicht jeder muss die Natur schön finden. Und zur Natur gehören auch Dinge und Prozesse, die alles Andere als „schön“ sind. Schönheit ist keine objektive Eigenschaft der Dinge, sondern eine subjektive Empfindung der Menschen, die etwas betrachten und damit auch ein Ergebnis der jeweiligen Kultur.

Das Wichtigste ist wohl, dass man die Narrativebeachtet:

Denn die Art, wie wir über Sachen reden, beeinflusst uns. Es gibt z.B. das Narrativ, dass wenn man sich anstrengt, man vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Ob das richtig oder falsch ist, ist nicht gesagt. Es ist aber eine Vision. Viele beflügelt dieses Narrativ, vieles auszuhalten. Weil man ja Millionär hätte werden können.

Mit unseren Narrativen transportieren wir etwas. Damit müssen wir achtsam umgehen. Viele unserer heutigen Erzählungen sind inhaltlich vom Untergang gezeichnet. Das Problem dabei ist, dass Untergangsvisionen zu nichts führen. Man könnte ja ableiten: „Na, dann setzen wir noch einen drauf.“ Die Frage ist: Gibt es stattdessen andere Visionen?

Wesentlich ist bei der Arbeit mit Kindern, weg vom Untergang zu gehen. Wir müssen mehr auf eine spirituelle Ebene kommen. Wir sind eher pragmatisch. Es gibt auch außerhalb unserer sichtbaren Wahrnehmung Sphären, die wir weder anfassen noch sehen können. Unsere Wahrnehmung ist beschränkt auf einen kleinen Bereich unserer physikalischen Welt.

Ich habe in Bonn ein Projekt durchgeführt. Dort haben wir mit ganz verschiedenen Nationen gesprochen. Hier in Deutschland sagen Eltern oft „Lerne erstmal was Richtiges und dann erst etwas Künstlerisches.“, „Kunst ist was für die Freizeit.“. In anderen Kulturen ist es anders. Dort ist Geschichten-Erzählen so wichtig wie z.B. Mathe. Kunst und Wissenschaft sind oft gleichgestellt.
Das heißt, da ist eine andere Haltung zu Bildungsthemen. Da ist viel Entwicklungspotential.

Man muss sich selbst gegenüber kritisch werden. Indem ich mich viel mit der Welt auseinandersetze. Es geht darum, so viele unterschiedliche Eindrücke, Menschen, Orte zu sehen und sich damit zu beschäftigen, wieso es anders ist.

Man sollte auch viel lesen und Meinungen hinterfragen. Man muss eine philosophische Beziehung zur Welt aufbauen. Ich stelle mir z.B. viele Fragen über die Welt – jeden Tag.

Man muss mutig sein. Man muss sich trauen, dass seine Meinung nicht ewig gültig ist. Wir entwickeln und verändern uns andauernd weiter und die Welt auch. Man kann sich hinsetzen und jammern. Aber das ändert sich nicht.

Man kann verschiedene künstlerische Methoden in seiner Arbeit als Umweltbildner*in nutzen. z.B. ist die Fotokamera wunderbar geeignet, weil ich mit der Kamera die Welt untersuchen kann und sie festhalten kann. Ich kann nah rangehen und weit weg. Ich kann Bilder miteinander kombinieren. Ich kann aber auch versuchen, etwas nicht Sichtbares zu fotografieren, wie z.B. Klänge.

Sie sprachen von sichtbaren Sphären und anderen, die wir nicht direkt wahrnehmen können. Wie kann man in diesen spirituellen Prozess kommen?

Man kann nach der gleichen Form oder Struktur suchen. Es gibt die Wirbelform. Die finden wir im Wasser, in der Anordnung von Blättern an Bäumen, aber auch im Kosmos.

Mit der Marmortechnik (Wasser, Kleister und Farbe) kann man dann versuchen, diese Wirbelformen auf Papier zu erzeugen. Man versucht dann zwei gleiche Bilder zu erstellen und stellt fest, dass das nicht geht. So kommt man ganz schnell zu einem Punkt, dass man das nicht begreifen kann. Unsere Vorstellung reicht dafür nicht aus. Wir schlussfolgern dann, denn wissen tun wir es nicht. So finden wir uns in der philosophischen Auseinandersetzung mit der Welt wieder.

Und wie bringen wir all diese Themen an die Kinder und Jugendlichen, mit denen Umweltbildner*innen täglich arbeiten?

Wissen Sie: Ich bin kein ausgebildeter Künstler, sondern manchmal passiert etwas, wofür man nichts kann. Das kann man dann annehmen oder unglücklich werden. Mir ist in meiner langjährigen Arbeit mit Kindern und in BNE eine Analogie zwischen der pädagogischen und kulturellen Arbeit aufgefallen.

Anhand eines Beispiels sieht man wie dialektisches Arbeiten funktioniert: Ein Holzhauer hat im Kopf eine Skulptur und während er das Holz bearbeitet, stößt er auf eine Irritation im Holz. Er kann sein Werkzeug nicht so einsetzen, wie er es will. Es gibt also eine Rückwirkung. Er muss seine Idee modifizieren und auf die Irritation reagieren.

Das ist ein ständiger dialektischer Prozess zwischen dem Entstehen des Kunstwerks und seiner persönlichen Haltung dazu. Beide Elemente bedingen sich. Es ist keine mechanische Arbeit, die ich so abarbeite, wie ich sie im Kopf hab. Das Gleiche passiert bei der pädagogischen Arbeit. Wenn ich mit Kindern arbeite, dann habe ich als Pädagog*in oder Bildner*in etwas im Kopf. Doch oft haben die Kinder keine Lust oder andere Vorstellungen. Dann muss ich als Pädagog*in mein Konzept ändern.

Denn man ist mit dem Lernen nicht fertig, nur weil ich aus der Schule komme. Man lernt lebenslang. Als Erwachsener auch viel von Kindern, wenn man es zulässt.
Das zeichnet Kunst aus: Es ist ein dynamischer Prozess, der zum Kunstwerk führt. Die Auseinandersetzung mit mir, dem Thema und meiner Umgebung.

Man muss sich trauen, die Kontrolle über den Prozess zu verlieren. Das ist schön, denn dann passiert eine Rückkopplung mit den Kindern und es kommt etwas raus, was größer ist als jede*r einzelne.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

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