Bettina Mechtersheimer ist ausgebildete Bildhauerin und arbeitet bereits seit 10 Jahren an einer Montessorischule als Kunstlehrerin für Gestaltung. Nebenbei wirkt sie weiter als Künstlerin in ihrem eigenen Atelier und stellt ihre Collagenregelmäßig an verschiedenen Orten aus.

KWZ: Kunst und Nachhaltigkeit. Funktioniert das?

Inhaltlich auf jeden Fall. In der Umsetzung hapert es da oft. Denn in der Kunst fällt leider oft auch viel Müll an. Auch da gibt es viel Aufholbedarf, damit Kunst selbst nachhaltig sein kann. Der Zweck heiligt hier eben nicht alle Mittel. Die Verwendung von Naturfarben, bereits bestehenden Materialien und Klebern, die weder gesundheits- noch umweltschädigend sind, sind hier schon ein guter Anfang. Denn die Möglichkeiten gibt es bereits.

KunstWerkZukunft kombiniert Kunst und Nachhaltigkeit und Kinder und Jugendliche. Ist das eine gute Idee?

Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit Kindern weiß ich, dass Kinder ein großes Bedürfnis haben, die Welt zu retten. Mit der Handwerklichkeit, die hinter verschiedenen Kunstformen steht, kann man Kinder und Jugendliche befähigen, ihre Emotionen und Gedanken einmal anders zum Ausdruck zu bringen. Als Kunstpädagogin kann ich zeigen, wie man verschiedene Kunstformen umsetzen kann. Das hilft den jungen Akteuren, dass sie ausdrücken können, was sie wollen.

Wie kommt man zu dem, was man ausdrücken will?

Je nachdem welche Perspektive man einnimmt, kann man mit den Akteuren erarbeiten, was uns nicht gefällt und was uns stört. Oder aber man will hervorheben, was schön und zu bewahren ist. Manchmal blockiert und überfordert die negative Betrachtungsweise auf ein Thema den Akteur. Um kreative Kräfte freizusetzen kann es helfen, wenn man sich positiv damit beschäftigt.

Kunst ist frei, heißt es. Wie sehr darf man lenken?

Lenken heißt nicht, dass man sie inhaltlich beeinflusst, sondern ihnen zur Seite steht, wenn sie sich  ausdrücken wollen. Daher finde ich es durchaus legitim den künstlerischen Schaffensprozess zu begleiten. Damit kann man auch erreichen, dass sich Kinder und Jugendliche an Kunst herantrauen, was sie normalerweise nicht tun. Wir sehen uns vielen Herausforderungen ausgesetzt. Nun hat man die Wahl. Will man den Fokus auf das setzen, was nicht so schön ist oder das, was schön ist? Dort beginnt die Geschichte. Ob die Aussage den Betrachter berührt, liegt beim Betrachter. Das kann der Künstler nicht beeinflussen. Er kann nur anbieten.

Ist das nicht frustrierend, wenn man die Betrachter*innen mit seiner Kunst nicht erreicht? Wie wichtig ist dieser Dialog für junge Künstler*innen

Es ist wichtig zu erklären, dass der kreative Schaffensprozess das Wichtige an der Kunst ist. Das Kunstwerk ist nur Ergebnis dieser Vorarbeit und Gedanken zu einem Thema. Das gilt es herauszuarbeiten, wenn man mit unerfahrenen Künstlern arbeitet.
Es gibt die Malorte, die genau das erlebbar für die Allgemeinheit machen wollen, wie der von Arno Stern. Dort gibt keiner das Thema vor, keiner greift ein. Jeder kann seiner Kreativität freien Lauf lassen. Teilnehmer berichten von einem therapeutischen Charakter, dort zu malen. Jedes Bild wird im Malort archiviert. Man nimmt es nicht nach Hause. Somit kann das eigene Werk durch Bewertungen von außen nicht beeinflusst werden. Dort ist die Kunst frei.

Malen als Ausdrucksform ist ein tiefes Bedürfnis im Menschen. Es gibt Spuren von Malereien, die über 40.000 Jahre alt sind.

Wie brauchen Umweltbildner*innen, um Kunst als Gestaltungs- und Entfaltungsform in ihrer Arbeit zu nutzen?

Das Schöne an der Arbeit mit Kindern ist, dass ihre Herangehensweise an Themen, uns erinnert, wie wir als Kinder waren, wie z.B. mit ihrer Naivität. Als Erwachsener darf man nichts verlieren. Als Kind geht man unbelasteter heran. Denn ein schweres Thema kann Angst machen. Angst blockiert. Daher sollte man in der Arbeit der Kinder davon weggehen und schauen, dass man ein konstruktives Umfeld schafft.

Die Gefahr in der Arbeit mit Kindern ist aber auch, dass man zu sehr an seinen Erwartungen hängt. Ziel sollte es sein, dass man neutral auf die Werke der Kinder schaut. Das Gute darin sieht und nicht mit Kritik vernichtet, was nicht zu bewerten ist. Das fällt uns Erwachsenen oft schwer. Denn wir haben oft bereits im Auge, wie wir uns etwas vorstellen. Da fällt es dann schwer, nicht zu lenken, wenn das Werk der Kinder von der eigenen Vorstellung abweicht. Man sollte sich dafür interessieren, nachfragen, was hast du dir gedacht? Warum hast du das so gemacht?

Was empfehlen Sie Umweltbildner*innen, die Kunst in ihre Arbeit einbinden wollen?

Man kann Umwelt weiter fassen. Nicht nur als Thema, sondern auch durch die Auswahl und Einbindung der Materialien.

Dann ist es auch wichtig, gut in das ausgewählte Thema einzuführen. Man muss dem Thema Raum geben. Es braucht eine inhaltliche Beschäftigung, die auch Zeit braucht. Zum Umsetzen braucht es auch Handwerk. Also das Wissen, wie man die ausgewählte Kunstform für den Ausdruck eigener Emotionen nutzen kann.

Und das Ausstellen der Kunstwerke kann, aber muss eine Option sein, um Feedback zu erhalten. Das sollte immer den Künstlern überlassen werden, ob jemand sein Kunstwerk ausstellen will oder klar von Anfang an kommuniziert werden, dass man die entstandenen Kunstwerke ausstellen will.

Man muss aber auch akzeptieren, dass vielleicht kein Kunstwerk entsteht. Auch das gehört zum künstlerischen Schaffensprozess. Als Umweltbildner kann man da den Druck rausnehmen. In unserem Schul- und Wirtschaftssystem wird häufig ein Ergebnis erwartet. In der Kunst ist der Schaffensprozess das Ergebnis. Denn Kunst ist immer ein Experiment.

Finalerweise sollte man immer dokumentieren, z.B. mit Fotos, wie die Kinder und Jugendlichen das Thema entwickelt und umgesetzt haben. Das hilft auch, den Druck auf ein Ergebnis zu nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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